Patienten und Patientinnen der Innsbrucker psychiatrischen Klinik um 1900

Sowohl die Anstaltspsychiatrien wie die Kliniken und mit ihnen ihre psychiatrischen Abteilungen waren um 1900 von einer sozialen Außen- und Binnendifferenzierung gekennzeichnet. Wer konnte, wie etwa Angehörige der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht, zogen der Anstaltsobsorge das privat geführte Sanatorium für Nervenkranke und der öffentlichen Klinik das Privatkrankenhaus vor. Das gilt auch für die Innsbrucker Psychiatrisch-neurologische Klinik der Gründerzeit. Dass die soziale Schichtung aufgrund unfreiwilliger Einweisungen nicht immer umstandslos zum Tragen kam, ändert nichts an der Tatsache, dass die meisten PatientInnen den unteren sozialen Schichten entstammten. Sie waren kleine Handwerker, Kleinstbauern und -bäuerinnen, ArbeiterInnen, Tagelöhner und Dienstbotinnen. Unter den Eingewiesenen fanden sich aber auch LehrerInnen, Klosterfrauen und Priester, Bahnweichenwärterinnen, Handelsvertreter und Prostituierte. Nicht selten wurden auch Gymnasialschüler und Studenten aufgenommen. Die große Mehrheit der PatientInnen kam aus dem Kronland Tirol, dem heutigen Einzugsgebiet von Tirol, Südtirol, einschließlich dem Trentino. Immer wieder aber kommen PatientInnen auch aus Vorarlberg, Bayern oder sogar aus Böhmen und Mähren. Die Stadt-Landverteilung scheint mit einem leichten ländlichen Übergewicht ausgewogen, ebenso wie die Verteilung der Geschlechter: mit den Jahren allerdings mit einem immer deutlicheren männlichen Überhang. Aus heutiger Sicht verwundert, dass auch Kinder und Jugendliche aufgenommen wurden, ohne dass es eine eigene Abteilung für sie gegeben hätte. M.R.